Mit der Einführung der Funktion der ”Videonachricht” beiwhatsapp, die laut App-Betreiberinnen „eine unterhaltsame Möglichkeit bieten [soll], Momente zu teilen und das dank Video auch gleich mit den zugehörigen Emotionen” hat sich das Verhältnis von Brief und Film, genauer von kurzen Videobotschaften als privaten Nachrichten, neuerlich verstärkt. Ein Verhältnis, das seit Anbeginn der Kinematographie auf mehreren Ebenen besteht. Zum einen sind Briefe sehr beliebte handlungsauslösende aber auch handlungsentscheidende kinematographische Objekte, die bestimmte Filmgenres mit je spezifischen Funktionen wie einen roten Faden durchziehen. Sie werden geschrieben, gefaltet, verschlossen, mit Briefmarken oder Siegeln versehen, verschickt, aufgegeben, versteckt, verloren, gefunden, geöffnet, gelesen oder vorgelesen, achtlos weggelegt oder sorgfältig aufbewahrt, zerrissen oder geküsst. Sie überwinden räumliche und zeitliche Distanzen, eröffnen Zeitebenen jenseits der linearen Erzählung, schaffen Verbindung oder Entzweiung, Aufklärung oder Verwirrung, Konflikt oder Versöhnung. Sie dienen der Verstärkung von Intimität zwischen Figur/en und Rezipientin, doch zuweilen auch dem Hereinholen der politischen Großwetterlage in private Räume und Situationen. Andererseits sind Filme als Material – also die konkreten Filmrollen – von Anfang an auf ihre Zirkulation angewiesen. Sie werden mittels Post oder anderen Vertriebs- und Verleihkanälen verschickt, ins Exil verschifft, auf abenteuerliche Weise in Koffern vor Verbot und Vernichtung gerettet, an jüngere Generationen als Vermächtnis und Erinnerung an ihre Vorfahren oder auch nur an ihre eigene Kindheit weitergegeben, wie Briefe und andere Familienarchivalien auf Dachböden oder in schwer zugänglichen Schränken verräumt, mit kaum entzifferbaren Beschriftungen versehen, in glücklichen Fällen schließlich an Film- und andere audiovisuelle Archive weitergegeben und dort professionell vor dem Verschwinden aber auch vor dem buchstäblichen Zerfall bewahrt.